Text:   Zeichner: Yoshiharu Tsuge

Rote Blüten

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Nina Pimentel Lechthoff
8101

Comic-Couch Rezension vonDez 2019

Story

Was will der Autor mir damit sagen? Diese Frage habe ich mir oft beim Lesen gestellt. Wer offene und metaphorisch erzählte Geschichten nicht mag, sollte die Finger hiervon lassen. Mir gefällt das aber. Nur manche Geschichten waren mir dann doch zu schräg.

Zeichnung

Die Hintergründe sind sehr detailliert und realitätsnah, während die Figuren eher wie Karikaturen wirken. Dadurch, dass viele Figuren recht ähnlich – wenn nicht sogar gleich – gezeichnet sind, war ich am Anfang etwas verwirrt.

Vom Reisen

20 Geschichten auf 400 Seiten

Mit Yoshiharu Tsuges „Rote Blüten“ hat Reprodukt eine weitere Koryphäe der japanischen Comic-Kunst endlich auf Deutsch veröffentlicht. Der Sammelband enthält 20 kurze Manga-Geschichten, die zwischen 1966 und 1973 in der Zeitschrift „Garo“ veröffentlicht wurden. Diese sind in gewissem Sinne alle eigenständig und die Reihenfolge folgt nur der Chronologie, in der die Geschichten veröffentlicht wurden. Was sie aber (fast) alle gemeinsam haben ist das Reisen. Die Protagonisten sind unterwegs, entweder auf der Durchreise oder nur für eine Weile an dem Ort, an dem die Geschichte sich abspielt.

Von menstruierenden Mädchen und verletzten Soldaten

Die titelgebende Geschichte handelt von einem Mädchen, Sayoko, das den Teeladen des Vaters am Leben hält, denn der Vater ist alt und gebrechlich und deshalb kann Sayoko nicht immer zur Schule. Masaji, Sayokos Schulkamerad, bringt ihr immer wieder die Hausaufgaben vorbei, macht sich aber ständig über sie lustig. Als jedoch eines Tages Sayako am Fluss zusammenbricht, hilft Masaji ihr und bringt sie auf dem Rücken zum nächsten Arzt.

Eine andere Geschichte, die prominent auf dem Cover zu sehen ist, ist „Verschraubt“. Darin sucht ein verletzter Soldat nach einem Arzt, der ihm seinen lebensbedrohlich verletzten Arm verbindet.

Beide Geschichten haben, wenn man sie so zusammenfasst, eine eigentlich sehr geradlinige Handlung. Das täuscht aber, denn vor allem „Verschraubt“ ist gelinde gesagt verschroben. Beide Kurzgeschichten arbeiten sehr viel mit Symbolik. Die kleine Sayako fühlt sich schlecht und klagt über Bauchschmerzen. Dass sie zum ersten Mal ihre Periode bekommt, wird mit keinem Wort erwähnt. Nur die roten Blüten, die Masaji meint zu sehen, nachdem sich Sayako im Fluss gebadet hat, lassen darauf schließen, dass das Mädchen nicht krank ist. Aber vor allem „Verschraubt“ ist eine einzige Metapher, denn laut dem Nachwort von Mitsuhiro Asakawa – langjähriger Redakteur des Magazins „Garo“ – basiert diese Geschichte auf einem Traum von Yoshiharu Tsuge. Das merkt man auch durchgehend, da sich die Geschichte genauso entwickelt, ohne einen klaren Beginn und mit willkürlichen Wendungen.

Zwei Zeichenstile in einem Panel

Die Hintergründe von Yoshiharu Tsuge sind unfassbar detailreich gezeichnet. Sei es die Außenansicht einer Herberge, das Innere eines Onsen oder die Berglandschaften – alles ist wunderschön und sehr realitätsnah mit genauen und geradlinigen Strichen gezeichnet. Ganz anders ist das bei den Figuren. Sie sind eher Karikaturen als „echte“ Menschen. Der eine hat eine dicke Knollennase, die alte Frau hat ein ganz runzeliges Gesicht und nur noch einen Zahn, das Mädchen hat eine kleine, spitze Nase und sehr runde Augen. Generell sehen sich alle Figuren sehr ähnlich, je nach Typ. Die hübschen Frauen sehen alle gleich aus, auch die verschiedenen Protagonisten sind gleich gezeichnet. Deswegen dachte ich auch am Anfang, dass die Kurzgeschichten eigentlich alle Kapitel einer großen Geschichte seien. Das ist zuerst etwas verwirrend, man gewöhnt sich aber schnell dran.

Nachwort oder lieber Vorwort?

Das Nachwort ist sehr aufschlussreich und liefert viele relevante Informationen, die die Geschichten in einem anderen Licht erscheinen lassen. Etwa, dass diese tatsächlich als so etwas wie Reiseberichte zu lesen, die Handlungen aber frei erfunden sind. Oder, dass sich die Art und Weise, wie der Autor an seine Geschichte herangegangen ist, im Laufe der Zeit verändert hat. Das merkt man zwar während der Lektüre, aber so wirklich bewusst wurde mir das erst nach dem Lesen des Nachworts. Ich hätte diese Informationen gerne ganz am Anfang gehabt, damit ich die Geschichten mit diesem Wissen lesen kann. Andererseits bezieht sich Mitsuhiro Asakawa auf die einzelnen Geschichten und deren Handlung, sodass man diese gelesen haben muss, um alles zu verstehen. Das führt also unweigerlich dazu, dass man „Rote Blüten“ auf jeden Fall mehr als einmal lesen muss, um sie wirklich zu verstehen. Das ist aber keineswegs negativ, denn die Kurzgeschichten sind so interessant und vielschichtig, dass man sie sogar mehrmals lesen WILL.

Fazit:

Mir haben die Geschichten in „Rote Blüten“ im Großen und Ganzen doch relativ gut gefallen, obwohl ich bei manchen echt nicht so recht wusste, was der Autor mir damit sagen will. Das spornt aber gleichzeitig dazu an, diese noch ein- oder mehrmals zu lesen. Die Mischung aus sehr karikaturesken Figuren und die sehr detailreichen und realitätsnahen Hintergründe haben mir sehr gefallen. Man sollte sich aber im Klaren sein, dass Yoshiharu Tsuges Geschichten echt schräg sind und nicht immer einen roten Faden haben.

Rote Blüten

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