Text:   Zeichner: Ted Naifeh

Courtney Crumrin - Erstes Buch: Die Wesen der Nacht

Courtney Crumrin - Erstes Buch: Die Wesen der Nacht
Courtney Crumrin - Erstes Buch: Die Wesen der Nacht
Wertung wird geladen
Marcel Scharrenbroich
9101

Comic-Couch Rezension vonOkt 2020

Story

Ein kleines All-Ages-Juwel, welches nun erstmals in Farbe vorliegt. Nicht zu Unrecht hochgelobt und langjährig weitergeführt.

Zeichnung

Ted Naifeh zieht seinen leicht skurrilen Stil konsequent durch und nach ein wenig Eingewöhnungszeit kommt man auch gut damit klar. Seine Illustrationen haben in jedem Fall einen hohen Wiedererkennungswert.

Gerüchte, Gerüchte und… ganz viel Wahrheit

Die bucklige Verwandtschaft

Um gruselige Gebäude rankt sich so manche düstere Legende. Leerstehende Irrenhäuser, auf mysteriöse Weise abgebrannte Kinderheime, morsche Villen, die höchstens mal von Krähen überflogen werden, und so weiter. Egal, ob auf dem Land oder in der Stadt, kennt bestimmt jeder ein verfallenes Gemäuer, welches durch gruselige Mund-zu-Mund-Propaganda zu Berühmtheit gelangte. Ich selbst lief vor Jahren mal über solch morsche und knarzende Dielen, in einem leerstehenden und berüchtigten Anwesen. Nachts. Und mit den besagten urbanen Legenden im Hinterkopf. Ich kann Euch sagen, da klopft schon mal der Puls an! Das Haus, das die junge Courtney Crumrin mit ihren Eltern bezieht, ist jedoch alles andere als unbewohnt. Hier wohnt nämlich ihr Onkel Aloysius, über den es mindestens ebenso viele Gerüchte gibt, wie über das verrufene Crumrin-Haus selbst.

Da Aloysius langsam in ein Alter kam, in dem er das große Haus nicht mehr alleine auf Trab halten konnte, ließen die Crumrins die Stadt hinter sich und zogen zu ihm nach Hillsborough. Ein nobler Vorort, in dem sich die eine prächtige Villa an die nächste reiht. Aloysius‘ Anwesen aber als Schandfleck zu bezeichnen, wäre dem imposanten Bau nicht gerecht… sagen wir einfach, dass die Addams-Familie sich wohlgefühlt hätte, und dass es über einen morbiden Chic verfügt. Als Courtney kleiner war, besuchte sie mit ihren Eltern schon einmal den alten Onkel. Ihn, der in der Nachbarschaft als verrückt verschrien war, und bei Kindern seit jeher für Gänsehaut sorgte und noch immer sorgt. Ihre Erinnerungen an diesen Kurztrip sind nicht die besten und dass sie ihre alte Schule und Freunde in der Stadt zurücklassen musste, macht ihre Begeisterung über den Tapetenwechsel nun auch nicht größer.

In der neuen Schule fällt es Courtney schwer, Anschluss zu finden. Die hochnäsigen Kinder aus der Schickimicki-Gesellschaft strafen sie mit abschätzigen Blicken und Missachtung. Nur Axel, der Sohn eines ehemaligen Football-Stars und bei den Rich-Kids als Loser gebrandmarkt, nimmt sich der neuen Mitschülerin an. Zuerst ist es nur die Neugier, denn wie jedes Kind im Ort interessiert es ihn brennend, ob an den Horror-Gerüchten über Aloysius Crumrin und das alte Haus ein Fünkchen Wahrheit ist. Viel Zeit zum Plaudern bleibt allerdings nicht, denn wie es sich für einen typischen Schulalltag gehört, werden die Loser auf dem Nachhauseweg von den Snob-Blagen abgefangen und zwecks Sofort-Überweisung des Milchgelds verhauen. Nicht, dass die reiche Brut es nötig hätte, aber da geht es wohl ums Prinzip…

Nachdem sich dieses Spielchen am nächsten Schultag zu wiederholen droht, ergreift Courtney in weiser Voraussicht die Flucht in den angrenzenden Wald. Axel folgt ihr blindlings. Ein fataler Fehler, denn der Junge wird von einem bestialischen Wesen angegriffen, dem Courtney nur mit Mühe und Not entrinnen kann. War dies eines dieser Monster, die nachts durchs alte Crumrin-Anwesen schleichen? Hatte ihre Fantasie ihr vielleicht doch keinen Streich gespielt? Axel bleibt verschwunden… und so endet eine Freundschaft, bevor sie richtig begonnen hat. Courtney durchforstet das Büro ihres Onkels, der dort allerlei seltsamen Kram hortet. Im „Bestiarium der Wesen der Nacht“ wird sie fündig. Dort steht tatsächlich, wie man Kobolde fangen und zähmen kann! Das Mädchen wagt sie in der Nacht erneut in den gespenstischen Wald und hält sich beim Aufstellen einer Falle streng an die Vorgaben des Buches. Und tatsächlich… es gelingt ihr den gefräßigen Störenfried einzufangen. Nun ist es an ihm, Courtney einen Wunsch zu erfüllen. So steht es geschrieben. Und einmal auf den übersinnlichen Geschmack gekommen, katapultiert sich Courtney Crumrin bald in eine finstere Welt, die sie zuvor nie für möglich gehalten hätte…

*Grummel*

Die sympathische Courtney wächst einem mit ihrer „grummeligen“ Art schnell ans Herz. Es gibt bestimmt viele Leserinnen und Leser, die sich mit ihrer Figur identifizieren können. Sei es durch Erinnerungen an die eigene Schulzeit, einen Umzug in unbekanntes Terrain und dem damit verbundenen Außenseiter-Stand, den es durchs Schließen neuer Freundschaften zu überwinden gilt, oder einem jener Verwandten, der immer etwas aus der Art zu schlagen scheint. Mit Courtney Crumrin hat der amerikanische Autor und Zeichner Ted Naifeh einen Charakter geschaffen, der somit für alle Altersklassen gut und ebenso schnell zugänglich ist. Hinzu kommt die gelungene Stimmung, die seine Comic-Welt versprüht, und altersgerecht nur am Horror kratzt und eher im atmosphärischen Grusel-Genre zu verorten ist. Dementsprechend ist die Altersempfehlung auch ab 10 Jahren.

Zeichnerisch erscheint Naifehs Stil auf den ersten Blick recht einfach, doch nach wenigen Seiten freundet man sich mit seinem eigenwilligen Charakter-Design an und ist schnell in der Story versunken. In den Panels ist meist angenehm viel los, ohne jedoch so vollgepackt zu sein, dass man den Überblick verlieren könnte. Auch hier wieder sehr kindgerecht. Farblich hat sich Kolorist Warren Wucinich zurückgehalten und verzichtete auf knallige Töne. Dennoch ist die Farbpalette recht umfangreich, was jedoch nur selten geballt zum Tragen kommt.

(Hoffentlich) das volle Programm

Zwischen 2004 und 2006 erschienen die ersten drei Abenteuer von „Courtney Crumrin“ erstmals in deutscher Übersetzung. Das Modern Tales-Imprint des Eidalon Verlags brachte diese als Softcover auf den Markt, bevor 2010 Neuauflagen im Hardcover erfolgten, da zu diesem Zeitpunkt auch die gebundene Ausgabe des vierten Bandes, „Courtney Crumrin und die Ungeheuer der alten Welt“, ihre Premiere feierte.

Im Gegensatz zur aktuellen Ausgabe von Dani Books, waren die früheren Veröffentlichungen einfarbig. So kommt der kleine All-Ages-Klassiker – besser spät als nie – zu vollfarbigen Ehren. Insgesamt sind sieben Bände der Gesamtausgabe angedacht und in Anbetracht der sympathischen Story, die auch herzerwärmend mit ein paar „Der kleine Lord“-Momenten glänzt, darf man sich auf die Fortführung freuen. In diesen Bänden sollten dann alle Geschichten untergebracht sein, inklusive der 2012 gestarteten Ongoing-Reihe des US-Verlags Oni Press, die es auf zehn Ausgaben brachte.

Neben Skizzen, Charakter-Entwürfen und Werbe-Anzeigen findet sich erfreulicherweise noch der Inhalt vom US-Heft „Oni Press Color Special 2002“, welches Courtneys allerersten Besuch bei Onkel Aloysius wiedergibt. Neben der Softcover-Ausgabe existiert noch eine limitierte Hardcover-Variante, die einen signierten Druck von Ted Naifeh beinhaltet. Diese ist auf 99 Exemplare begrenzt. Beide Veröffentlichungen verfügen über die Dani Books-übliche Digital Copy des Comics.

Fazit:

Ein gelungener Phantastik/Grusel-Mix, der jüngere Leser nicht überfordert und auch dem reiferen Comic-Freund gefällt. Wenn Courtney ihr Umfeld mürrisch mit einem *Grummel* kommentiert, ist das höchst charmant umgesetzt. Ich drücke der Reihe, die nicht umsonst für den renommierten Eisner-Award als beste limitierte Serie nominiert wurde, die Daumen, dass sie irgendwann vollständig die Regale der Leserinnen und Leser schmücken darf.

Courtney Crumrin - Erstes Buch: Die Wesen der Nacht

Ted Naifeh, Ted Naifeh, Dani Books

Courtney Crumrin - Erstes Buch: Die Wesen der Nacht

Weitere Comics der Serie:

Ähnliche Comics:

Deine Meinung zu »Courtney Crumrin - Erstes Buch: Die Wesen der Nacht«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Alita:
Battle Angel

Der „Große Krieg“ ist seit 300 Jahren vorbei. Unter der gigantischen Himmelsstadt Zalem, der letzten ihrer Art, befindet sich Iron City. Hier sind alle Strukturen zusammengebrochen, was die Straßen - speziell nach Einbruch der Dunkelheit – zum gefährlichen Pflaster werden lässt. Im Jahr 2563 sind Cyborgs keine Seltenheit mehr und viele von ihnen verdienen sich ihr Geld als Kopfgeldjäger… sogenannte Hunter-Warrior. Titelbild: © 2019 Twentieth Century Fox

mehr erfahren