Text:   Zeichner: Juan Cavia

Ballade für Sophie

Ballade für Sophie
Ballade für Sophie
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Marcel Scharrenbroich
10101

Comic-Couch Rezension vonOkt 2023

Story

Weinen. Lachen. Mitfühlen. Glücksgefühle spüren. Sucht Euch die Reihenfolge aus, denn dieses Buch weckt alle Gefühle.

Zeichnung

Eine phänomenale Bildsprache. Melo und Cavia sind ein kongeniales Duo. Was der Autor zwischen den Zeilen verschwinden lässt, füllt der Zeichner virtuos aus.

Wie schön kann ein Comic sein?

Vitamin B-Moll

Die junge Journalistin Adeline Jourdain steht vor der prunkvollen Villa des Maestros Julien Dubois. Der zurückgezogen lebende Pianist gilt als Virtuose seines Fachs, verlässt aber nur noch in den seltensten Fällen das Haus. Gespielt hat er seit Jahren nicht. Nicht besonders gut auf die Presse zu sprechen, lässt der grummelige Dubois die ob ihrer Jugendlichkeit scheinbar unerfahrene Adeline schnell abblitzen. Doch so leicht gibt sie sich nicht geschlagen und übernachtet kurzerhand vor dem Anwesen. Die Hartnäckigkeit imponiert dem Maestro und er zeigt sich bereit, Adelines Fragen zu beantworten. Was vielleicht ein Interview hätte werden sollen, entpuppt sich schnell als Lebensbeichte, denn Dubois ist nicht nur verbittert und einsam, sondern auch schwer krank. Lebenslügen und falsche Entscheidungen lasten schwer auf seinen schmalen Schultern. Zeit, mit ihnen und sich selbst ins Gericht zu gehen:

Alles begann 1933, als der junge Julien von seiner herrischen Mutter mit Hang zur Perfektion bei einem lokalen Klavierwettbewerb antrat. Sein ärgster Konkurrent, ein Bursche namens François Samson, verzauberte die Menge mit einem perfekten Auftritt. Mehr als perfekt! Ein Wunderkind aus der Unterschicht, dessen Vater als Hausmeister das Theater putzte, um sich und seinen Sohn über die Runden zu bringen. Doch wie durch ein Wunder wurde dieses Talent mit dem zweiten Platz abgestraft. Ein Wunder, dass sich schlicht und einfach als Betrug herausstellte, da Juliens Mutter mächtig Einfluss hatte. Um ihren Sohn zu Höchstleistungen anzutreiben, war ihr jedes Mittel recht. So engagierte sie nicht nur den ihrer Meinung nach besten Lehrer, sondern kollaborierte zu Kriegsbeginn auch mit den Nazis, die sich im Heim der Dubois-Familie einnisteten. Ein unerträglicher Zustand, der Julien Reißaus nehmen ließ.

So lebte Julien zeitweise sogar auf der Straße, hielt sich mit Almosen und Ratschlägen von Leidensgenossen über Wasser. Doch sein Talent öffnete ihm Türen. Türen, die er rückwirkend betrachtet vielleicht lieber geschlossen gelassen hätte. Er stieg zum gefeierten Schnulzensänger auf, was zwar Vorteile mit sich brachte, aber den eh schon schwachen Charakter verdarb. Schließlich traf er wieder auf seinen damaligen musikalischen Widersacher François Samson. Und es war nicht nur die Musik, die von da an zwischen ihnen stand…

Außer Konkurrenz

„Ballade für Sophie“ ist eines jener Bücher, die man lange sucht. Ein Buch, das einen in den Arm nimmt. Ein Buch, das einen sofort mitreißt und bis zum Ende… und darüber hinaus… nicht mehr loslässt. Ein Buch, das auf einem Sockel steht, den selbst turmhohe Stapel anderer Bücher nicht erreichen können. Voller Liebe, Tragik und Warmherzigkeit, dass man heulen könnte. Etwas dick aufgetragen? Gewiss mögen Geschmäcker auseinandergehen, aber mehr kann man von einer Story nicht erwarten. Wendungsreich, einfühlsam, bewegend und schlichtweg schön. Selten war ich trauriger, als ein Comic-Buch sich Seite für Seite dem Ende näherte. Selten ergriffener… und selten glücklicher. Dem wuchtigen Buch (immerhin stolze 305 Story-Seiten plus Bonusmaterial) gebührt ein Ehrenplatz in meinem knarzenden Bücherregal.

Der portugiesische Autor, Regisseur und Musiker Filipe Melo ist hier voll in seinem Element und beweist par excellence, wie man die richtigen Noten anspielt. Seine Medien-übergreifenden Arbeiten sind preisgekrönt und als Komponist und Arrangeur kann der ausgebildete Pianist in „Ballade für Sophie“ natürlich mit überzeugendem Fachwissen glänzen. Die titelgebende Ballade für die mysteriöse Sophie, die selbst lange ein Rätsel bleibt, hat Melo eigenhändig komponiert. Die Notenblätter finden sich im Anhang. Ebenso ein Barcode, mit dem sich das Stück auf Spotify abrufen lässt.

Auf allerhöchstem Niveau sind auch die Zeichnungen von Juan Cavia, dem bereits seit längerer Zeit kongenialen Künstler-Partner des Autors. Der Argentinier ist nicht nur Illustrator und Maler, sondern als Art Director auch im Filmgeschäft tätig. Von dieser Erfahrung profitieren auch wir Leser. Wunderschön ausgeleuchtete Panels und abwechslungsreiche Perspektiven vermitteln ein filmisches Flair, gepaart mit einer hinreißenden Zeichentrick-Ästhetik. Jedoch nicht glatt und steril, sondern kantig, fast schon skizzenhaft. Als hätte Cavia Schicht um Schicht aufgetragen, um den stilisierten Charakteren mit jeder Ebene mehr Leben einzuhauchen. Die Farbpalette reicht von blassen natürlichen Tönen bis hin zu schweren Farbteppichen, die in ihrer Intensität die Szenerie regelrecht erdrücken. Stets angemessen und geradezu meisterhaft komponiert. Keine Seite und kein einziges Panel hätte ich mir anders gewünscht.

Fazit:

Tragik und Schwere gehen Hand in Hand mit lebensbejahender Leichtigkeit und Wärme. „Ballade für Sophie“ ist ein Ausnahme-Comic in allen Belangen und hat sich ohne mit der Wimper zu zucken in meine persönliche Top-5-Liste der besten Comics/Graphic Novels geklimpert.

Ballade für Sophie

Filipe Melo, Juan Cavia, Splitter

Ballade für Sophie

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